Anonyme Bewerbungen: Ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit?

HR & Recruiting, Praxison September 3rd, 2010• von Tobias Kärcher5 Comments

    Diesen Herbst testen einige große Unternehmen die anonyme Bewerbung. Eine solche Bewerbung enthält weder Namen, noch Foto. Darüber hinaus fehlen Angeben über Alter, Herkunft und Geschlecht des Bewerbers – mit dem Ziel, an den Vorurteilen des Personalchefs vorbei, die “nackten” Qualifikationen sprechen zu lassen. Vermieden werden sollen dabei unschöne Anekdoten wie z.B. der “(-) Ossi”-Vermerk auf den Unterlagen einer Bewerberin oder die Vorverurteilung aufgrund von nicht deutsch klingenden Namen. Doch nicht nur ausländische Namen haben es schwerer, auch die Kevins und Celinas werden schon in jungen Jahren durchschnittlich schlechter bewertet als die Maximilians und Charlottes.

    In den USA ist die Praxis der anonymen Bewerbung seit den 60er Jahren verbreitet. So sind es jetzt auch jene Unternehmen, die im Ausland schon entsprechende Erfahrungen mit diesem Verfahren gesammelt haben, die sich nun in Deutschland an dieses Experiment wagen. Im Prinzip ist dieser Ansatz ein Schritt zu mehr Gerechtigkeit bei der Vergabe von freien Stellen. Die letzte Entscheidung obliegt aber nach wie vor dem Arbeitgeber und so stellt sich die Frage, ob das Ganze nicht nur eine kleine Farce ist: Spätestens im Bewerbungsgespräch werden alle Karten auf den Tisch gelegt werden – dieses findet noch nicht à la Herzblatt hinter einem Paravan statt. Die Wahl zwischen Kandidat Nummer Eins, Kandidat Nummer Zwei und Kandidat Nummer Drei wird hier aufgrund eines persönlichen Gespräches (mit Blickkontakt) getroffen.

    Wird hier also eine Gleichbehandlung vorgegaukelt, nur um im Nachhinein wieder das gleiche Sieb verwenden zu können? Es sollte den Unternehmen nicht unterstellt werden, doch eine Frage müssen sie sich gefallen lassen: Wenn es ihnen ein ehrliches Anliegen ist, eine Belegschaft mit höherer Diversity aufzubauen, warum müssen sie sich dann selbstverordnet die Augen verbinden? Oder geht es doch nur darum, “benachteiligte” Bewerber ein, zwei Schritte weiter kommen zu lassen, nur um dann im Nachhinein doch die alten Entscheidungen zu treffen? Die nächsten Monate werden zeigen, ob es bei diesem (wissenschaftlich betreuten) Versuch bleibt, oder sich Erfolge einstellen und diese Art der Rekrutierung langfristig etabliert.

    Pic: florian_kuhlmann

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    Hier bloggen Alex, Tobi und Jan von atenta aus Hamburg. Wir entwickeln Software und Agenturlösungen für Recruiting und Employer Branding im Social Web.

    • Strangerli

      Ich kann mich noch erinnern das ich mehrere Bewerbungen bewerten sollte, die zu einer Stelle in meiner Abteilung passen soll. Einer Bewerbung gab ich ein großes A auf das ausgedruckte Anschreiben und legte es mit anderen B- und C-Kandidaten in den Korb des Chefs.

      Der A-Kandidat wurde nie zu einem Gespräch eingeladen. Er war türkischer Nationalität. Ich weiß allerdings nicht ob das der Grund war ihn nicht einzuladen.

    • http://atenta.de Alexander

      Diese ganze Debatte ist doch eine Farce. Es wird diskriminiert, was das Zeug hält. Das weiss ich wirklich nicht zuletzt aus unserer Personalberatungstätigkeit. Wer hat denn behauptet, dass die Qualifikation ausschlaggebend für eine Einstellung ist. Eine Entscheidung wird aus dem Bauch heraus gefällt und im Nachhinein rational-argumentativ untermauert. Passt die Qualifikation, fällt diese Untermauerung leichter. Stimmt dagegen die “Chemie” nicht, gibt’s nichts zum untermauern.

      Unsere Politiker sollten das wissen. Ansonsten finde ich, dass sie sich in Zukunft, wenn es um die Vergabe von Parteivorsitzen und Ministerposten geht, ebenfalls einem anonymen Bewerbungsverfahren mit entsprechender Eignungsdiagnostik unterziehen sollten. Nur für den Fall, dass es in den Reihen unserer Vorbilder auch diskriminiert wird.

    • http://www.laufbahner.de Rudi

      Die Debatte entspricht dem, was der durchschnittliche deutsche Bewerber schon laneg möchte. Er will zunächst – und aus verschiedenen Gründen – mit seinen personenbezogenen Daten im Hintergrund bleiben.
      Die Fähigkeiten sollten immer für sich sprechen.
      Für viele Recruiter ist das zwar gewöhnungsbedürftig entspricht aber im Ergebnis der Situation beim vergleich zwischen einem Bewerbungsunerfahrenen und einem topvorbereiteten Bewerber.
      Bei laufbahner.de gibt es aufgrund der absoluten Datenhoheit beim User deswegen auch Menschen, die nur dort ihren CV hinterlegt haben!

    • http://atenta.de Alexander

      @Rudi

      Die Fähigkeiten sprechen immer für sich – auch bei einer nicht anonymen Bewerbung. Nicht mehr und nicht weniger.

      Werden die Laufbahner Kandidaten beim persönlichen Vorstellungsgespräch dann auch besser/fairer behandelt als die nicht Laufbahner Kandidaten?

    • http://www.bewerbung-musterschreiben.de Bewerbung

      Bei den Bewerbungen kommt es vor allem darauf an, dass diese bei den Entscheidern auf den Tisch kommen. Ohne Vorurteile kann dies sehr viel schneller geschehen. Das Sieb wird sicherlich beim Vorstellungsgespräch wieder angewendet, jedoch kann der Bewerber dort bereits einen sympathischen Eindruck machen und dieses “Sieb” fast ausmerzen. Somit steigerns ich natürlich die Chancen auf eine Anstellung enrom.

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