14. Februar 2012 von 7 Kommentare in Business

IBM BeLiquid – Zukunft der Arbeit?

ibm beliquid IBM BeLiquid   Zukunft der Arbeit?

Für eine der interessanteren Schlagzeilen im Februar sorgte vor kurzem der Konzern IBM, als es in vielen namhaften und weniger namhaften Zeitungen von Massenentlassungen und moderner Tagelöhnerei die Rede war.  Das Vorhaben, einen Teil der festen Belegschaft durch Freelancer zu ersetzen, löste eine nicht wirklich überraschende Welle der Entrüstung aus, à la “Hilfe, wir werden alle sterben, weil die Inder nur $100 im Monat zum Leben brauchen”.

Das sogenannte “Revolutionäre Arbeitsmodell”, was übrigens nun wirklich nichts Neues ist, wird von IBM in Form eines Pilotprojekts bereits seit mindestens einem Jahr im  Rahmen der Initiative “BeLiquid” getestet bzw. erfolgreich praktiziert. Es geht darum, für Mini-Projekte, die innerhalb von einem halben Tag bis max. einer Woche erledigt werden können, weltweit die besten Kräfte zu finden. Dabei greift man auf einen Pool von geprüften Freelancern zu – eine Art von Crowdsourcing.

Die Rekrutierung von geeigneten Freelancern übernehmen Outsourcing-Partnerunterunternehmen für IBM (“Vendor” genannt). Aktuell sind es die Unternehmen Zerochaos und Stefanini, die offenbar in verschiedenen Regionen wiederum über lokale Partner verfügen, wie z.B. die IT Firma Rishabh in Indien.

Das BeLiquid Programm wird mit den folgenden Hauptmerkmalen beschrieben:

Key Features of the Liquid Program include:

  • 100% work from home opportunity. All programming is done in a secure, remote environment!
  • You choose the programming components you want to develop!
  • Program specifications are always provided, and access to the IBM component code library gives you an added edge for faster completion!
  • Liquid Players are paid on successful programming events, so earning potential is unlimited!
  • The more successful you are as a Player, the more IBM will request you to work on programming events!
  • Your digital profile is shared amongst IBM project managers and your Player peers, so the best of the best is always recognized and rewarded!
  • Program and tool training with an online support community to answer questions!

Ein gut gemachtes Informationsvideo erläutert die Idee und das Konzept hinter BeLiquid.

Wer sich gerne für den IBM Pool bewerben möchte, macht das am besten über diese BeLiquid Facebook App. Der Bewerbungsprozess umfasst folgenden Schritte:

  • Send his/her resume to the Rishabhsoft Recruiter and complete a phone screening
  • Successfully complete the Previsor online Technical Test, which will be sent from the Recruiter. A minimum passing score is required. Currently, the passing score is 80%, but it could change
  • Complete the ZeroChaos IBM Liquid Challenge Player Enrollment Package. This package will include a Criminal Background Check and a Non-Disclosure Agreement. It is sent via email from ZeroChaos
  • Attend the IBM Liquid Player training session when scheduled. Invitations are sent via email from ZeroChaos
  • Review the IBM Liquid Challenge Player Welcome Package when received from IBM via email
  • Receive the IBM Liquid Portal login and password from ZeroChaos via email
  • Register for design and program components in the IBM Liquid Portal
  • This competitive environment provides programmers and designers the opportunity to become part of one of the world’s leaders in technology.

Meinung:

1. Das Modell, ein Top-Kernteam zu haben und bei Bedarf auf Spezialisten zugreifen zu können, halte ich für absolut sinnvoll und zeitgemäß. Es ist kein Muss für jeden. Aber es ist ein Modell, das gut funktioniert und zwar sowohl für den Kunden als auch für den Dienstleister. Wir arbeiten auch so. Wenn ein Unternehmen, in so einem Modell Vorteile für sich und für seine Kunden sieht, finde ich keine Argumente dagegen.

2. Die Befürchtungen der westlichen Fachkräfte, auf einem offenen Markt den Fachkräften aus Niedriglohnländern unterlegen zu sein, sind bei weitem nicht immer begründet. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sich in bestimmten Bereichen gar nicht lohnt, auf Freenlancer aus anderen Ländern zu setzen, weil die kulturellen Unterschiede das Projektergebnis stark belasten können. Das wird IBM auch wissen. Es geht nicht darum, den billigsten Arbeiter auf der Welt zu finden, sondern eine Aufgabe schnell und qualitativ hochwertig zu lösen.

3. Die Tatsache, dass die anstehenden weltweiten Veränderungen des Arbeitsmarktes, die mit mehr Transparenz, Wettbewerb und besserer Qualitätskontrolle der Leistungen eines Einzelnen einhergehen, die Menschen hierzulande in Angst und Schrecken versetzen, belegt lediglich, dass unsere Gesellschaft reif für eben diese Veränderungen ist.

IBM hat sich lediglich, mehr oder minder öffentlich, getraut, einen Kurs zu kommunizieren, der von vielen anderen mitdenkenden Unternehmen bereits praktiziert  bzw. in ähnlichem Umfang vorbereitet wird. Darauf müssen wir uns einstellen, ob es uns gefällt oder nicht. Anstatt zu jammern, wäre es z.B. überlegenswert,wie man sich in seiner Kerndisziplin unersetzbar macht. Dann gibt es, ob Festangestellter oder Freelancer, nichts zu fürchten.

IBM BeLiquid - Zukunft der Arbeit?, 3.7 out of 5 based on 3 ratings

Alexander Fedossov

Alexander ist als technischer Geschäftsführer für die Produktentwicklung sowie die konzeptionelle und technische Realisierung aller Projekte und Ideen bei atenta verantwortlich.

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  • http://twitter.com/getaccess_hrm C. Jonas Cords

    Aber die 1-vendor-strategy ist schon ein ziemliches Risiko – die kennt doch in Deutschland kein Mensch. 

    • http://www.wollmilchsau.de Alexander Fedossov

      Worin genau besteht das Risiko bzw. für wen? Das wurde aus dem Kommentar nicht ganz deutlich.

  • Pingback: IBM und die Freelancer – schon heute die Zukunft | Arbeitsgesellschaft

  • http://twitter.com/HelgeWeinberg Helge Weinberg

    Liebe Wollmilchsäue,
    IBM macht aus meiner Sicht diverse kapitale Fehler. Die Medien berichten, dass 40 Prozent der Belegschaft entlassen werden soll. Und IBM sagt dazu: Nichts. „IBM hat sich lediglich, mehr oder minder öffentlich, getraut, einen Kurs zu kommunizieren…“ Häh? IBM hat im entscheidenden Punkt nichts kommuniziert.

    Andere Konzerne klagen darüber, dass sie im IT-Bereich keine guten Leute mehr finden und Freiberufler zu teuer geworden sind. IBM entlässt die Experten, um aus fixen Kosten variable zu machen. Die Ex-Mitarbeiter werden sich sicher ganz toll darüber freuen, ein neues Bewerbungsverfahren beim alten Arbeitgeber durchlaufen zu müssen. Die guten Leute unter ihnen werden sich das nicht geben, sondern einfach zu den IBM-Partnern oder zur Konkurrenz wechseln. Der Markt sucht händeringend gute Leute.

    Liebe Wollmilchsäue, diese Aktion des neuen Managements von IBM dient NICHT der Leistung des Unternehmens, sondern dazu, den Gewinn je Aktie zu verdoppeln. Das ist das erklärte Ziel. So zu lesen im Handelsblatt. Ein reichlich anspruchsvolles Unterfangen. Insofern sind diese Maßnahmen von IBM eher angstgetrieben und ein Akt der Verzweiflung. Richtig, IBM hat sich immer wieder neu erfunden. Und ja, IBM Deutschland scheint nicht besonders effizient zu arbeiten. Mitarbeiter aber vor allem als Kostenfaktoren zu behandeln, das ist in Zeiten des Fachkräftemangels tödlich. 

    Beste Grüße, Helge Weinberg

    • http://www.wollmilchsau.de Alexander Fedossov

      Hallo Helge,

      zum Absatz 1:
      http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/schrumpfkurs-ibm-baut-in-deutschland-tausende-stellen-ab/6135510.html

      In diesem und in weiteren Handelsblattartikeln werden allgemeine Zitate über die zeitgemäße Ausrichtung des Konzerns angeführt. Und über Äußerungen von “höchsten Führungsgremien” geschrieben.

      Das ist in meinen Augen, “mehr oder minder öffentlich, getraut, einen Kurs zu kommunizieren…”

      zum Absatz 2:
      Rechtzeitiger Aufbau eines geprüften Pools von hochqualifizierten Freelancern kann eine mögliche Strategie sein, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Gerade für Konzerne, die Ihren Personalbedarf eh nicht 100% decken können. 

      Die wirklich “guten Leute unter ihnen” werden vermutlich erst gar nicht gehen müssen :)

      zum Absatz 3:
      Wie ist die “Leistung des Unternehmens” in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft zu bemessen, wenn nicht am Gewinn?!   Doch nicht etwa an der Zahl der Mitarbeiter.

      Beste Grüße,

      Alexander

      • http://twitter.com/HelgeWeinberg Helge Weinberg

        Hallo Alexander, ich kommentiere einfach mal zwischen den Zeilen.

        >>>“Das ist in meinen Augen, “mehr oder minder öffentlich, getraut, einen Kurs zu kommunizieren…”<<>>“Rechtzeitiger Aufbau eines geprüften Pools von hochqualifizierten Freelancern kann eine mögliche Strategie sein, dem Fachkräftemangel zu begegnen…“<<>>“Die wirklich “guten Leute unter ihnen” werden vermutlich erst gar nicht gehen müssen :)“<<>>“Wie ist die “Leistung des Unternehmens” in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft zu bemessen, wenn nicht am Gewinn?! Doch nicht etwa an der Zahl der Mitarbeiter.“<<<
        Am Gewinn? Nur am Gewinn? Da solltest Du Dich mal mit den CR/CSR-Leuten kurzschließen. Die könnten das etwas anders sehen ;-) Langfristige Planung ist ein Aspekt, der zum erfolgreichen Wirtschaften dazu gehört. Sonst kannst Du den Gewinn bald vergessen. Die Vision von IBM Deutschland ist mir nicht klar. Kosten sparen?

        Zahl der Mitarbeiter? Nein, nicht entscheidend. Da gibt es viele Faktoren. Motivation der Mitarbeiter ist einer davon. Ebenso die emotionale Bindung an das Unternehmen. Beides ist bei IBM jetzt auf dem Nullpunkt, vermute ich. Bekannte Folgen: Erhöhte Fehlzeiten, Qualität bricht ein, Kreativität und Innovation dito. Damit relativ zügig der Gewinn.

        Beste Grüße, Helge

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