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Von Werten und Unwerten: Wiesenhof als Arbeitgeber

von Tobias Kärcher am 1. September 2011 · 6 Comments · In Business, Recruiting

Gestern lief eine Dokumentation auf ARD, die bereits im Vorfeld für Aufsehen gesorgt hatte. “Das System Wiesenhof” zeigt eines der größten Unternehmen der deutschen Lebensmittelindustrie, und dessen Arbeitsweisen in der Geflügelzucht und -verarbeitung. Hinter der Marke Wiesenhof steht die PHW-Gruppe mit über 5000 Mitarbeitern. Wir haben heute Empörung in den Medien und den sozialen Netzwerken auf der einen, Bemühungen, die Vorwürfen zu entkräften auf der anderen Seite. Und – das vermute ich – einige Mitarbeiter, die heute mit gemischten Gefühlen zur Arbeit gehen werden.

Kurzfristige Folgen werden sein: Anzeigen und Verkaufseinbußen. Doch ein Produktimage ist vergleichsweise schnell wieder aufgebaut. Nächsten Sommer werden vermutlich genauso viele Wiesenhof “Bruzzler” auf den Grills liegen wie immer. Was jedoch mittel- und langfristig Schaden nimmt, ist das Image des Unternehmens als Produktions- und Werbepartner und nicht zuletzt als Arbeitgeber. Ein Konzern, der in der Öffentlichkeit als industrieller Tierquäler gesehen wird? Dort schicken die jungen Talente ihre erste Bewerbung definitiv nicht hin – egal was ihnen dort geboten wird.

Beim Employer Branding wird viel von Werten gesprochen. Angaben zur Corporate Social Responsibility (CSR) dürfen auf keiner Karrierepage fehlen. Zur Not werden schnell ein paar Bäume auf dem Parkplatz gepflanzt und das Ganze dann als Ökobewusstsein verkauft. Noch einfacher geht es mit der Aufzählung abstrakter Prinzipien: “Qualität, Sicherheit und Transparenz” bietet Wiesenhof auf seiner Unternehmensseite, PHW übernimmt angeblich “Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt”.

Kürzlich wurde Prof. Dr. Niels van Quaquebeke auf FAZ.net zu seiner Studie “Two Independent Value Orientations: Ideal and Counter-Ideal Leader Values and Their Impact on Followers’ Respect for and Identification with Their Leaders” (.pdf) interviewt. Zusammengefasst: Unternehmen sollten klarmachen wofür sie nicht stehen, was sie nicht tun, womit der eigene Name nicht in Verbindung gebracht werden kann. Große Ideale zu haben ist einfach, diese nicht zu erreichen nur menschlich und fast schon verzeihlich. Doch:

“Einen Standard zu definieren, unter den man nicht fallen will, beziehungsweise einen Unwert, der bei Erreichen klares Scheitern signalisiert, das trauen sich die wenigsten.”

Quaquebeke weiter:

“Stellen Sie sich vor, Sie werden mit schönen Idealen einer Firma gelockt, fangen dort an und stellen dann aber fest, dass in dieser Firma leider ebenso einige Ihrer persönlichen Unwerte gelebt werden. Sie werden dort nicht glücklich und verlassen im Zweifel das Unternehmen wieder. (…) Deshalb hat man bessere Chancen, Leute dauerhaft zu binden, wenn man ihnen nicht nur konkret sagt, worauf sie hoffen dürfen, sondern auch, was sie nicht zu fürchten brauchen.”

“Unsere Mitarbeiter brauchen keine Angst haben, dass ihnen bei einer Dokumentation über ihre Arbeit vor Scham und Ekel schlecht wird.” – Das wär doch mal was, oder?

Pic: wetwebwork (CC BY 2.0)

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Tagged with: Arbeitgeber • ARD • CSR • Dokumentaion • Image • Mitarbeiter • PHW • Quaquebeke • Studie • Unternehmen • Werte • Wiesenhof 
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  • Jo Diercks

    Ja, sehr spannend. Das entspricht genau dem Gedanken des Realistic Job Preview: Es geht um die Kommunikation der positiven UND negativen Merkmale. http://blog.recrutainment.de/2010/06/29/authentisches-employer-branding-rechnet-sich-in-vielerlei-hinsicht-wissenschaftliche-belege/
    Sonst heisst es nämlich wirklich: Recruitment was yesterday, today you´re staff. Der Unterschied: Bei einem Unternehmen kann man kündigen, in der Hölle nicht…http://www.recruitingblogs.com/group/recruitinghumor/forum/topics/yesterday-we-were-recruiting

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  • Sebastian73

    Euer Ansatz ist von der Theroie her sehr gut, leider ist Wiesenhof das völlig falsche Beispiel hierfür.

    Wiesenhof wird sich relativ wenig um das Emploer Image scheren, die meisten der 5.000 Jobs sind Arbeiter in den Schlachthöfen, der weiteren Verarbeitung und in der Futtermittelherstellung. Die Leuten arbeiten hart für wenig Geld, die können es sich auch nicht leisten, ihren Job nach dem Employer Branding zu wählen.

    Die wenigen Jobs für qualifizierte Fachkräfte in den Bereichen Marketing, Fiinanzen und Vertrieb  werden zudem eh nicht so gut bezahlt und überwiegend aus der Region rekrutiert.

    Würden wir hier von Nestle, BP oder Siemens sprechen, würde die Auswirkung des Imageschaden auf das Employer Branding sicherlich erheblich sein, nur halt nicht bei Wiesenhof.

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  • SaN92

    Wiesenhof setzt sich mit dem Film “auseinander” indem es sich als Täter zum Opfer stilisiert. Wieso ist Hier: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=UfM2r9xU514#!  eigentlich die Kommentarfunktion aus? Ein Schelm …

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  • http://www.wollmilchsau.de/ Tobias Kärcher

    Berechtigter Einwand und dass im Niedriglohnsektor die Arbeitgebermarke eine geringere Rolle spielt, ist sicherlich richtig. Aber nicht nur Vertrieb und Verwaltung braucht Fachkräfte, Auch die gesamte Produktionsablauf braucht Softwareentwickler, Techniker und Laboranten etc. … Und die können sich schon 2x überlegen, ob sie nun in die Massentierhaltung gehen oder nicht. 

    Wiesenhof halte aber gerade deswegen für ein gutes Beispiel, da sich der Imageschaden hier so deutlich durch die gesamte Bevölkerung zieht. Nestlé, BP und Siemens stehen zwar hin und wieder in der Kritik, aber doch nur für sehr konkrete Teilbereiche der Arbeit, in die der Großteil keinen Einblick hat. Da haben die Bilder von misshandelten Tieren sehr viel mehr Breitenwirkung.

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  • http://www.wollmilchsau.de/ Tobias Kärcher

    Ein schönes Gleichnis! :)

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